In loser Folge stellen wir die Personen vor, die in den Berliner Bezirken integrierte Strategien zur Prävention von Kinder- und Familienarmut auf- und ausbauen. Johanna Scheller ist Koordinatorin für Kinder- und Familienarmutsprävention in Pankow.

Was ist deine liebste Kinderbuchfigur und was magst du an ihr?

Meine allerliebste Kinderbuchfigur ist Pippi Langstrumpf. Pippi wächst unter sehr ungewöhnlichen und auch schwierigen Bedingungen auf. Im Kinderschutzbogen des Jugendamtes nennt sich das „abweichende Elternsituation“: Ihre Mutter ist schon sehr früh verstorben. Der Vater ist Seefahrer und gilt als verschollen.

Pippi repräsentiert für mich ein resilientes Mädchen, das nicht defizitorientiert, sondern auf ihre Ressourcen blickt. Sie macht das Beste aus ihrer Situation. Sie erhebt ihre Stimme und bestimmt selbst, wie sie leben möchte. Sie hat Mut zur Individualität, und weiß, dass man Dinge zum Positiven verändern kann.

Wir können daraus lernen, Kindern etwas zuzutrauen, ihre Stärken zu sehen und ihnen Räume zu geben, um sich zu entwickeln.

Nicht zuletzt lebt Pippi im Einklang mit der Natur und den Tieren. Armutsprävention bedeutet für mich auch, dass bereits Kinder ein Bewusstsein für ihre Umwelt entwickeln. Auf dieser Grundlage können sie sich zu selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln, die vielleicht auch mal den Status Quo hinterfragen und Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten.

Von Pippi lernen wir auch, dass anders sein und unter anderen Bedingungen aufwachsen zu müssen – oder zu können – nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss. Wir lernen, Andersartigkeit zuzulassen. Kinder wachsen in einer Geflüchteten-Einrichtung anders auf als in einem Einfamilienhaus. Dennoch geht es am Ende darum, dass wir uns als Persönlichkeiten entwickeln, und da sind wir uns ähnlicher als wir denken. Und dieses Wissen sollte gefördert werden.

Warum hast du die Koordination der Kinderarmutsprävention in Pankow übernommen?  Was gefällt dir an dieser Rolle?

Ich komme aus dem RSD und bringe Erfahrung aus der Beratung und dem Kinderschutz mit. Dort habe ich erlebt, dass man bestimmte Bedingungen oder Lebensverhältnisse nur bedingt ändern kann. Es kamen viele Kinder, deren Eltern in unsicheren Lebensverhältnissen lebten und mit dem Dschungel der Hilfen und Anspruchsberechtigungen völlig überfordert waren. Auch für uns Fachkräfte ist es schwierig, alle Angebote zu kennen und zusammenzuführen.

Deshalb hat es mich gereizt, das ressortübergreifende und ganzheitliche Denken zu fördern und Verantwortungsgemeinschaften zu bilden. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Übertragen auf die Kinderarmutsprävention bedeutet das: Es braucht verschiedene Ressorts, die gemeinsam Verantwortung übernehmen, weil die Lebenslagen von Kindern eben komplex sind.

Oft wird erst versucht Unterstützung zu leisten, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Hier werden dagegen Prozesse angestoßen, damit schon frühzeitig präventiv gehandelt werden kann. Die gesundheitliche Situation, soziale Teilhabe, die Wohnsituation werden zusammengedacht und die verantwortlichen Akteure zusammengebracht.

Die Koordinationsstelle bietet außerdem die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte zu setzen, kreativ zu sein und auch neue Dinge auszuprobieren. Dafür gibt es mit den Strukturaufbaumitteln der Landeskommission ein gewisses Budget.

Was ist deine Vision für den Bezirk? Was soll in 5 Jahren anders sein?

Mich und meine Kolleginnen aus allen Bezirken vereint der Leitsatz, dass jedes Kind –unabhängig von seiner sozialen und familiären Herkunft – möglichst gute und gerechte Chancen erhalten soll, sich zu einer selbständigen und selbstbewussten, teilhabenden Persönlichkeit zu entwickeln.

Die neue PISA-Studie zeigt, dass die Bildungschancen in Deutschland immer noch sehr stark von der Herkunft abhängen. Das kann ich nicht akzeptieren. Oft ist es ein Teufelskreis: Kinder, die Nachhilfe benötigen, haben oftmals Eltern, die sie nicht unterstützen können, aber auch keine Nachhilfe bezahlen können.

Meine Vision ist, dass in fünf Jahren tatsächlich jedes Kind die Förderung erhält, die es benötigt.